Orlando&List
Nur weil nicht mehr regelmäßig im Kölner Stadtanzeiger über die Arbeit in ihrer Detektei berichtet wird, sind die beiden Detektivinnen Orlando&List nicht in Rente gegangen. Sie lassen es aber ruhiger angehen, seit List auf dem rechten Auge nicht mehr so gut sieht und Orlando immer öfter von ihrem Ischiasnerv geplagt wird. Jahrelang haben sich die zwei auf Kölns Straßen herumgetrieben, sich beim Observieren die Finger abgefroren und waren hinter zwielichtigen Gestalten her. Da bleiben solche Zipperlein nicht aus. Besonders List kann davon ein Liedchen singen, so oft wie sie bei der Arbeit eins auf die Mütze gekriegt hat. Auch wenn sie nicht mehr jeden Auftrag annehmen, so schlagen sie sich weiterhin wacker mit untreuen Ehemännern, betrügerischen Geschäftsleuten, korrupten Politikern und allem herum, was der Kölner Sumpf sonst noch so bietet.
Gelegentlich klopfen sie bei ihrer Erfinderin, Brigitte Glaser, an und beschweren sich darüber, dass diese nicht mehr über sie schreibt.
Ach je, stöhnt Glaser dann, meint ihr, es ist spannend, über alternde Detektivinnen zu schreiben?
Bist du dem Jugendwahn erlegen, seit du für "Schreckschüsse" jugendliche Helden erschaffen hast, oder was?, knurrt Orlando.
Das hätte ich echt nicht gedacht, dass sie uns so fallen lässt, setzt List hinterher.
Jetzt macht mal halblang, wehrt sich Glaser, Krimischreiben ist auch ein Geschäft, und das Feld alternde Detektive und Kommissare hat schon eine ganze Legion männlicher Kollegen abgegrast.
Hast du nicht immer gesagt, dass seit der Bibel, spätestens seit Shakespeare alle Geschichten schon erzählt worden sind, es nur darauf ankommt, sie neu, sie anders zu erzählen?, erinnert Orlando sie.
Außerdem haben wir es verdient, auch mal Romanheldinnen zu werden, fügt List hinzu. Wir sind viel krimimäßiger als diese dicke Köchin.
Geht´s noch, ärgert sich Glaser, ich habe euch für Kurzgeschichten entwickelt, davon habt ihr jede Menge gekriegt, da kann man nicht einfach in einem Roman wollen.
Willst du etwa sagen, wir haben nicht das Potential für einen Roman? Lists Augen glitzern gefährlich.
Man müsste mal genauer darüber nachdenken, rudert Glaser zurück, die Lists rechten Haken nur zu gut kennt.
Na, dann mach mal, meinen die beiden Detektivinnen unisono, bevor sie sich in ihre Kurzgeschichten zurückziehen.
Wieso nur hat Glaser den Eindruck, dass dies nicht als Vorschlag, sondern als Drohung gemeint war?
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